KLAUS GRABENHORST

 


ANGENOMMEN ALLES IST GANZ UNKOMPLIZIERT

Roman von Klaus Grabenhorst
geschrieben von August 2007 bis September 2008
Umfang: ca. 80 Seiten
als Hörbuch: 2 CDs / Dauer: ca. 150 Minuten / es liest der Autor

Ein Arzt liest auf einer Bahnfahrt das Buch seines Jugendfreundes Jan, der nach seiner gescheiterten Beziehung mit den Worten „Ich kenne so viele gute Frauen, sie können mich jetzt alle haben“ neu angefangen hat. Beim Lesen erinnert sich der Arzt an die wenigen Begegnungen der zurückliegenden Jahrzehnte: als er nach seinem Studium in einem Krankenhaus in einer anderen Stadt seinen „Facharzt“ machte, absolvierte Jan dort seinen Zivildienst als „singender Krankenhausclown“; als er sich zehn Jahre später in einer prekären finanziellen Situation befand und ihm ein Kollege einen Berater empfahl, war es der „Finanzkaufmann“ Jan Fischer, der ihm einen Ausweg aus das Dickicht seiner Kreditverträge aufzeigte; und schließlich war da noch die Hochzeit eines gemeinsamen Freundes auf einem Wasserschloss …

Von Jans seltsamen poetischen Notaten wird der Arzt beim Lesen auch immer wieder auf den Zustand seiner eigenen Ehe gestoßen, die sich nach langer Durststrecke in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Gegen Ende der Lektüre rastet er aus. Was steht in dem Buch seines Jugendfreundes, der damals die Schule abbrach und sich mit den Worten „Jeder muss sich selbst aus seinem Gefängnis befreien“ auf die Spur seiner Träume begab?

 

Leseprobe:

… und dann lag ich eines Tages auf meinem blauen Sofa. Ich sah den großen, roten Vollmond im dunklen Abendhimmel. Und auf einmal dachte ich: „Jan, eigentlich lebst du komplett falsch! Du bist doch ein Wassermann!“ Ich spürte auf einmal, dass ich mir vorkam wie mein Freund Christoph, der jahrelang in seiner Ehe unglücklich war, weil er merkte, dass er sich mehr zu Männern hingezogen fühlte. Er litt unter furchtbaren Schuldgefühlen, bis er es eines Tages seiner Frau gestand.

Ich bin auch anders. Aber anders anders. Ich erinnerte mich, wie ich, als ich vierzehn, fünfzehn war, eines Tages im Fernsehen, es war im dritten Programm, spät abends einen Film sah, worin eine ältere Dame nach dem Tod ihres Mannes, der Universitätsprofessor war, in seinen Unterlagen Briefe an seine Geliebte fand. Für die Frau brach eine Welt zusammen. Doch am Ende des Films sah man, wie diese Frau mit dem letzten Mut der Verzweiflung die Geliebte aufsuchte und wie sie zusammen Fotos anschauten und die Geliebte zu ihr sagte, wie wundervoll ihr Mann immer über sie gesprochen hätte und dass sie eine ganz außergewöhnliche Frau sein müsste.
Ich war damals sehr gerührt über das unerwartete Ende. Der Film verfolgte mich über dreißig Jahre lang. Ich musste oft an diese letzte Szene denken und den gelassenen Gesichtsausdruck dieser beiden Frauen.

Und so lag ich also auf meinem blauen Sofa und dachte, dass ich, Jan Fischer, eigentlich ganz „falsch“ lebe. Ich kenne doch so viele gute Frauen! Wir reden, ich liebe es, mir ihre Geheimnisse anzuhören, mit ihnen die Gedanken zu teilen, ich rieche ihren Duft, es ist ein starkes Vertrauen da, eine Nähe, unsere Körper haben sich aufgeladen, ich gebe mich hin, verschenke mich … ich hatte mir das immer so gewünscht, einfach diesen Moment zu leben, diesen Moment wie ein Schmetterling zu genießen, ihn zuzulassen, so wie er ist.

Ich liebe ja auch nicht nur eine Art von Musik! Ich liebe Lieder, Chansons, Rockmusik, Jazz, Klassik, Folk … warum sollte ich dann nur eine Frau lieben?
„Jan“, sagte ich zu mir, „einfach diesen kulturellen Schrott über Bord werfen, das wäre es: Ehe, Eifersucht, Treue, Angst, Kontrolle … einfach weg damit und im Augenblick leben, wie der Schmetterling …“
Ich hatte eine unendliche Sehnsucht danach, so zu leben, wie ich wirklich bin.
Ich dachte: „Ich habe doch auch nicht nur einen Lieblingsmaler: einmal liebe ich die Bilder von van Gogh, seine brennende Leidenschaft, dann liebe ich die kühle Klarheit von Cezanne, dann die unerschöpfliche Formensprache von Picasso, mal liebe ich den verspielten Miro, mal das Flimmern der Monet´chen Seerosen oder diese wunder-schönen Nuancen der Lichtreflexe an der Kathedrale von Rouen am Morgen, am Mittag, am Abend …, ich liebe das schwarze Quadrat von Malewitsch, die tanzenden Farbflächen von Piet Mondrians Broadway-Kompositionen, die atemberaubenden Klecksexperimente von Pollock, die wilden Flächen von de Koning, ich liebe die Suppendosen und Marilyns von Warhol, ich liebe Kirchner, Franz Marc, Kandinsky, ich liebe die Ideenekstasen von Joseph Beuys … 
Und genauso ist jede Frau einzigartig! Jede Frau hat etwas ganz eigenes Besonderes! Ja, ich bin vielleicht wirklich anders …“

Ich habe mich auch immer für Bertolt Brecht interessiert. Und Bücher gelesen über Marieluise Fleißer, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin, Ruth Berlau. Ich war angenehm erstaunt, als unser Fußballweltmeistertorwart in einem Interview auf die Frage nach seinen beiden Frauen erklärte, dass er nur ein Leben habe und dass das niemanden etwas angehe. Und ich war berührt von der tieferen Wahrheit von „Rosie und die Künstler“ und darüber, wie abfällig sie von der aufgeklärten Literaturgesellschaft behandelt wurde und wie der Erzähler sie in Schutz nahm, in dem er sagte: „Wenn Rosie jemand mochte, fand sie es ganz natürlich, mit ihm ins Bett zu gehen. Sie verschenkte sich so selbstverständlich, wie die Sonne Wärme schenkt und die Blumen ihren Duft. Sie war aufrichtig, unverdorben und ungekünstelt. Sie war wie ein klarer, tiefer Waldweiher, in dem es sich himmlisch baden ließ, aber er ist weder weniger kühl noch weniger kristallen, weil vorher ein Landstreicher, ein Zigeuner und ein Wildhüter in ihm tauchten.“

Und wie ich also auf meinem Sofa lag, schwirrten die Gedankenfetzen durch meinen Kopf: „Ich muss das, was ich fühle, wirklich leben … ich kann ja gar nicht anders … Jan, sagte ich zu mir … Jan … du kennst so viele gute Frauen … sie können dich jetzt alle haben!“