KLAUS GRABENHORST

 

 

 

Ein Stück vom Himmel 
ISBN   978-3-938889-40-4

Broschur | 138 Seiten |
Format 13 x 21 cm 

EUR 12,80  [CHF 20,90]



 

EIN STÜCK VOM HIMMEL

Erzählungen von Klaus Grabenhorst
geschrieben März 2006 bis Dezember 2006, November 2009, Juli 2010
Umfang: ca. 150 Seiten
als Hörbuch: 4 CDs / Dauer ca. 240 Minuten / es liest der Autor
als Buch: Veröffentlichung 2011

 

 

 

 

 

 

„Mit der Kunst ist es möglich, uns auf die Zehenspitzen zu stellen, um mit unserem dummen Kopf ein Stück vom Himmel zu berühren“, flüsterte die kleine Frau mit dem großen Hut.

Von der Lust, die Schnellstraßen des Mainstreams zu verlassen, zeugen die Geschichten aus "Ein Stück vom Himmel". Klaus Grabenhorst erzählt - mal zärtlich-sensibel, mal anarchisch-derb - von Hoffnungen und Visionen, von Scheitern und Schuld, von der Bedeutung von Kunst und insbesondere von Liedern und welche überraschenden Wendungen sie entfalten können. Die Intensität, mit der die Protagonisten ihren Weg als Reisende des Lebens gehen, wird getragen von einer Atmosphäre des Staunens und Respekts, und nur schwer kann man sich dem Wechsel von Mitgefühl, Sanftheit und messerscharfer Anklage entziehen.

Inhalt:

          1. Die kleine Frau mit dem großen Hut
          2. Der Klavierspieler
          3. Kunststück
          4. Warum warst du in diesem gottverdammten Turm?
          5. Mit dem Kamel durch den Hunsrück 
          6. Die Kunstkommune
          7. Knock Out
          8. Das Eichhörnchen
          9. Kiew

 

Leseproben:
 
Sie sprühte nur so vor Lebensfreude. Und gut sah sie aus mit ihren achtundfünfzig Jahren. Allerdings war die Schönheit von Klara eine andere als die im Wellnesszeitalter in den bunten Blättern zur Schau gestellte. Über diese konnte sie nur lachen. Ebenso wie über die immerwährend gleichen Gesprächsthemen und Ratschläge, die man ungefragt über sich ergehen lassen musste. Und wenn jemand anhob zu erzählen, dass es ihm jetzt „schon wieder“ und „noch besser“ ginge und er ein inneres Wohlergehen „von tief innen“ verspüre, weil er seit Neuestem mit Skistöcken durch die Wälder spaziere, holte Klara tief Luft und sprach mit tiefer Stimme, dass sie nun endlich einen Arzt gefunden hätte, der ihren Magentrakt mit einer speziellen Kur entpilzen würde und ihr als stabilisierende Begleitmaßnahme empfahl, mit einem Autolenkrad auf einem Bein durch den Wald zu hüpfen, immer zehnmal auf dem Linken, dann zehnmal auf dem Rechten, und dass sich seitdem ihr Sexualleben optimiert hätte, qualitativ und quantitativ, so dass sie jetzt auch beim Sitzen vor dem Computer oder auf dem Fahrrad von Orgasmen überschwemmt werde und sich seitdem bei ihr ein nie gekanntes, neues Lebensgefühl eingestellt hätte.
„Dann wurde es meist ruhig.“
Sie lachte, warf sich die Haare nach hinten und fügte hinzu: „Und man konnte sich endlich wieder normal unterhalten!“

„Klara, meine Süße, mein Ein und Alles“, hörte sie auf dem Anrufbeantworter, „ich bin hier im vierzigsten Stockwerk, alles brennt, niemand kommt mehr raus! Klara, vergiss mich nie, ich liebe dich!“
Dann hörte sie ein Röcheln und Husten und Schreie im Hintergrund. „Klara, hörst du, jetzt musst du stark sein!“ Seine Stimme wurde leiser, er schluchzte. „Klara, ich liebe dich, vergiss mich nie, hörst du, ich liebe dich ...“
Dann brach der Satz ab.

Klara war den ganzen Tag draußen im Garten gewesen. Sie hatte den Rasen gemäht, zwei Beete umgegraben und den Apfelbaum geschnitten. Mittags kochte sie sich in der Laube eine kleine Bohnensuppe, setzte sich in ihren Liegestuhl, wickelte sich in eine Decke ein und genoss die warme Mittagssonne. Sie las ein Buch, war dann zwischendurch eingeschlafen, wachte wieder auf. Sie ließ den Blick in den Himmel schweifen. Eine Meise pickte ein paar Krumen vom Tisch und setzte sich auf die Lehne direkt neben ihre Hand. Es schien, als ob die Meise ihr in die Augen blicken würde. Dann aber tat sie so, als ob nichts gewesen wäre, flog eine Runde und durchsuchte wieder den Brotkorb auf dem Tisch. Klara machte sich noch einmal an die Arbeit.

Bevor sie die Nachricht auf dem Anrufbeantworter abhörte, schaltete sie den Fernsehapparat ein und sah, wie ein Flugzeug auf zwei Türme zuflog. Sie dachte: „Typisch amerikanischer Sience-Fiktion-Thriller!“
Das Flugzeug krachte in den einen Turm, eine Explosion, eine Feuerwolke. „Komisch, wie täuschend echt man heutzutage solche Szenen mit dem Computer herstellen kann“, dachte sie bei sich und schaltete um auf einen anderen Sender. Wieder sah sie die gleichen Bilder.
Sie drückte auf den Knopf des blinkenden Anrufbeantworters: „Klara, meine Süße, mein Ein und Alles, ich bin hier im ...“
Um sie herum begann sich alles zu drehen. Ihr Hals schnürte sich zu. Sie hielt sich am Regal fest und stieß einen Schrei aus, der durchs ganze Haus hallte. Dann sank sie zu Boden. Schluchzend lag sie da. Der Schmerz hatte sich in jede einzelne Zelle ihres Körpers gefressen. Sie versuchte aufzustehen. Zitternd zog sie sich am Regal hoch. Dann bewegte sie sich langsam in die Küche und schenkte sich einen Schnaps ein.
„Lieber Gott, mach, dass alles nur ein Irrtum ist!“
Immer wieder hörte sie das Band ab, während im Fernsehen zum wiederholten Male die Szene gezeigt wurde. Am liebsten hätte sie einen Stuhl in den Fernseher geschmissen.

                    (aus: „Warum warst du in diesem gottverdammten Turm“)

 

„Meine Mutter sagte immer, ich hätte ein sonniges Gemüt“, erinnerte ich mich auf dem Heimweg. Sie streckte ihre Arme aus, ich lief so schnell ich konnte zu ihr, sie fing mich, riss mich an sich, drückte, küsste, herzte mich und flüsterte mir ins Ohr:
„Weißt du, was du bist?“
„Nein, Mama, was bin ich denn?“
Natürlich wusste ich es. Aber ich konnte es nicht oft genug hören.
„Mama, was bin ich denn?“
„Du bist mein Sonnenschein!“
Ich liebte meine Mama und fühlte mich auf der Sonnenseite des Lebens, „On-the-sunny-side-of-the-street“. Und wenn das Leben mir später manchen Kinnhaken verpasste und ich zu Boden ging, dann stand ich eben jedes mal wieder auf. Und ich hatte gelernt, nie bei anderen die Schuld zu suchen.
„Ich bin für mein Tun verantwortlich, nur ich, sonst niemand“, wiederholte ich und biss die Zähne zusammen. „Und wenn du  falsche Erwartungen hast, dann kannst du dich nicht hinstellen und sagen, der Andere hätte dich enttäuscht. Nein, du selbst hast dich getäuscht! Für Misserfolge und Niederlagen musst ganz alleine du deinen Kopf hinhalten! Und vergiss nie: vor den Erfolg und vor das Glück haben die Götter den Schweiß gesetzt!“

Ich war also für  mich selbst verantwortlich, und deshalb fühlte ich mich wirklich frei. Mit der Sonne im Herzen war ich meines Glückes eigener Schmied. Wollte ich dies mit ihr ausdrücken?
Du Oberschlaumeier! Du Plattitüdenprediger! Du seniler Plattkopf! Du hast einen Sonnenstich! Mehr Glück als Verstand hast du gehabt! Du kannst Fortuna danken, niedergehen auf die Knie und allen deinen Schutzengeln und Schutzgeistern die Füße küssen! Der große Manitu hielt seine Hand über dich und über all den Scheiß, den du gemacht hast! 
Na gut, ich sehe es ein … aber warum diese Sonne?

Ein  Sonnenbad  hatte  ich selten  genommen, ich  lag lieber im Schatten und las ein Buch. Und einen Sonnenbrand hatte ich auch nie.
Die van Gogh´schen Sonnenblumen aus der Provence kannte ich damals ebenso wenig wie den Chansonier aus Sète mit dem dicken Schnurrbart, der statt der Sonne den Mond und den Regen besang.
Da mir als junger, anarchistischer Freigeist die Monarchie verhasst war, konnte ein Sonnenkönig kaum größeres Interesse bei mir ausgelöst haben. Wohl aber hatte ich von einem „Sonnenstaat“ gehört, und von dem Buch „Utopia“ aus dem 16. Jahrhundert! Davon erzählte meine Geschichtslehrerin; und dass vor viele hundert Jahren einmal eine Art urchristliche Kommunegemeinschaft wirklich existiert hatte. Ich wollte mehr darüber wissen, doch sie konnte sich nicht mehr erinnern, was und wo sie darüber gelesen hatte.
Gitarre  lernte ich  mit  „The-House-Of-The-Rising-Sun“, aber bald schon sang ich „wenn ich mal kalt bin, wenn ich mal kalt bin, lang ich mir die Sonne runter und steck sie mir ins Jackett - kleiner Ofen!“ Und das Lied vom „Mount-Klamott“: „Ich rollte meine Schöne die steilen Hänge rauf, sie kreischte, und ich lachte, sie fiel, ich fing sie auf.“ Die Melodie schlang sich so herrlich durch die Akkorde. „Wir saßen bis die Sonne im Häusermeer absoff, sahn zu, wie da der Westen die rote Farbe soff“.
Für Lyrik wie „trinken die Sonnenpferde die weißen, die braunen, all meine Tränen und trinken und trinken“ war ich damals noch nicht empfänglich. Und dass mich ein Mädchen wie Schnee in der Sonne zum Schmelzen gebracht hätte, dafür war ich noch zu jung und viel zu sehr von mir eingenommen, doch nicht auf die Art von „Hey Baby, steig auf, lass uns beide, du und ich, nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen!“
Mit erhobener Faust stimmte ich am 1. Mai in den Arbeiterchor „Brüder-zur-Sonne-zur-Freiheit“ ein, doch im selben Moment überkam mich die Ahnung, dass mein sehnsuchtsvoller Hunger nach einem Paradies im Diesseits kaum mit einem größeren Stück Kuchen aus der Wohlstandstorte gestillt werden konnte. 
Dann schon lieber „Mutter Erde“ retten! Mit der roten Sonne im roten Herz! Und der Anti-Atomkraftsonne! Der gelben! Für sie war ich sogar im Knast. Und wir bauten für unsere schärfste WG von Flensburg bis zum Bodensee auf unserer Dachterrasse einen Sonnenkollektor und kochten unseren Kaffee mit Sonnenenergie! Und als unerkannte grüne Zwerge mit ihren illegalen Radiosendern in Rucksäcken irgendwo versteckt aus dunklen Wäldern die Wahrheit über die kriminellen Machenschaften der Atommafia sendeten, schrieb Walter das „Radio Grün“-Lied: „Schau, die Sonne fällt in die Vogesen und die Nebel steigen aus dem Rhein. Es wird Zeit, mein Schatz, du komm, wir lösen diesen Tag ein bisschen auf in Wein. Heute woll´n wir uns was Bess´res gönnen, darauf hab ich mich schon lang gefreut. Komm, wir spitzen unsere Antennen, im Dreyecksland ist Radiozeit.“
Immer wieder und wieder hörte ich auch „A-Day-In-My-Life“, „I´d love to turn you on“, mit dem gigantischen, atonalen Crescendo des Londoner Symphonieorchesters, das sich immer weiter zu steigern schien, bis es abbrach ... und nur noch Johns lakonische Stimme übrig blieb! Das „Here-Comes-The-Sun“ allerdings war sicher nicht Grund genug, meine Unterschrift mit einem „Fireball“ zu komplettieren.
Und ich war wohl noch viel zu sehr am Anfang meines Lebens, als dass mir das Sonnenlicht eine bittere Wahrheit an den Tag hätte bringen können, genauso, wie mich ein Sonnenuntergang am Meer nur im Sinne von Heinrich Heine berührte: „Mein Fräulein, sein sie munter, das ist ein altes Stück, da vorne geht sie unter, und kommt von hinten zurück.“

                    (aus: „Kunststück“)

 

Sie liebte es, wenn er ihr ein Schaumbad einließ, ein paar Kerzen anzündete und sich zu ihr mit der Gitarre ins Badezimmer setzte.  
„Sing mir das Lied von der Regensphinx“, flüsterte sie.
Er kam ihrem Wunsch noch nicht gleich nach, sondern wühlte ein bisschen in seiner Liederkiste, um zuvor vielleicht ein Lied zu singen, das sie noch nicht kannte:

            Nach der Ebbe kam für mich
            Nach langem Durst mit dir die Flut
            Sag dir leis: „Ich liebe dich
            Du tust mir so unendlich gut“
            Durch dein Haar weht zart der Wind
            Ich hab gelitten, ich war scheu
            Bin ja ein gebranntes Kind
            Jetzt lerne ich die Liebe neu

Beim Singen bekam er nasse Augen und musste unwillkürlich schluchzen.
„Was hast du?“, fragte sie und guckte mit ihrem Gesicht wie ein Schwan aus dem Wasser. Ihre Augen funkelten im Dunkeln, und die Spiegel, das Kerzenlicht und der weiße Schaum ließen sie zu zwei sagenumwobenen Figuren in einer Märchenlandschaft werden.
„Ach, das ist eine lange Geschichte“, wehrte er ab und begann schon, ein nächstes Lied anzustimmen. Er genoss den übernatürlich vollen Klang, den die Töne durch den Hall gewannen, und er empfand es als Geschenk, dass sie es liebte, wenn er sie mit dem Singen in seine Welt locken konnte.
„Arthur, Liebster, gib mir das Glas mit dem Rotwein! Und dann erzähle, bitte!“
Er reichte es ihr und versuchte, sich zu erinnern. Im schummrigen Dunkel sah sie, wie er sich auf die Lippen biss, nach oben schaute, um dann tief Luft zu holen.    

„Anna hieß sie, du weißt doch, Anna, damals ... nein, ich muss anders anfangen!“
Er überlegte. Die kleinen Flammen der Kerzen schienen durch das leise Plätschern des Wassers zu flackern.
„Also, ich hatte dir doch einmal erzählt, dass ich aus einem evangelischen Elternhaus komme. Und mein Jugendfreund, der Wolfgang, war katholisch. Einmal wollte ich ihn abholen zum Schwimmen im See und da stand er unterm Fenster und seine Mutter rief von oben: „Der Wolfgang kommt später! Der muss in die Kirche! Und jetzt müssen wir noch überlegen, was er heute beichten kann!“
Ich fand das komisch. Man macht etwas Schlimmes, dann beichtet man, und dann soll alles wieder gut sein?
Und vor … lass mich überlegen … fast zwanzig Jahren … bin ich in eine Sache rein geraten … da habe ich etwas erlebt … da bin ich nie mit fertig geworden! Weißt du, es ist schlimm, wenn du etwas getan hast, was „scheiße“ ist! Aber es ist verdammt noch einmal viel, viel schlimmer, wenn du etwas hättest tun können, und: es nicht getan hast!     
Und dieses Arschloch, das nichts getan hat … das war ich!

                    (aus: „Knock Out“)