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KLAUS
GRABENHORST
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DER GELBE KOFFER
Roman von Klaus Grabenhorst
geschrieben von März 2007 bis März 2010
Umfang: ca. 400 Seiten
als Hörbuch: 11 CDs / Dauer: ca. 800 Minuten / es liest der Autor
Die zwanzigjährige Sonja aus Freiburg, die kurz
vor dem Abitur steht, stößt durch Zufall auf dem Dachboden auf einen alten,
gelben Koffer. Sie schleppt ihn mit ihrem Stiefvater in die Küche. Beim Öffnen
findet sie Fotos, Zeitungsartikel, Schallplatten, Musikkassetten und ein
Schreibbuch mit der Aufschrift „Die Aufzeichnungen des Karl Gustav
Rabe“. „Mein Gott!“, ruft ihre Mutter, die gerade zur Tür
herein kommt und die Fotos sieht, „Sonja, das ist dein Vater!“
Dass ihr leiblicher Vater Karl Gustav Rabe
heißt, war Sonja bekannt, doch kennen gelernt hatte sie ihn nie. Sie wusste
nicht einmal, wie er aussieht, denn es gab keine Adresse von ihm, keine Eltern,
keine Geschwister, nicht einmal ein Foto. Ihre Mutter war nach einem Konzert,
bei dem er in Deutsch die Lieder eines französischen Dichters sang, ein paar
Tage mit ihm zusammen, dann verabschiedete er sich und machte sich auf eine
„große Reise“.
Beim Lesen der Aufzeichnungen ihres Vaters,
die den Zeitraum von 1976 bis 1986 umfassen, wird Sonja mit den Anfängen der
Ökologiebewegung, Flugblattliedern, Frauen-Emanzipation, Wohngemeinschaften,
Friedensbewegung und dem Chansonier Georges Brassens aus Frankreich
konfrontiert. Sie begibt sich auf die Spur ihres Vaters anhand der
Zeitungsartikel und der Personen aus seinem Buch, die allerdings ebenfalls seit
über zwanzig Jahren nichts mehr von ihm gehört haben. In ihren Erinnerungen
wird er als ein heiterer und schöpferischer Mensch beschrieben, wogegen Sonja
das Gefühl hat, dass er sich selbst in seinem Buch als zunehmend enttäuscht und
desillusioniert dargestellt hat.
Als sie schließlich in dem Koffer das Buch „Die Aufzeichnungen des Malte
Laurids Brigge“ findet, sprachliche und
inhaltliche Parallelen zu dem Buch ihres Vaters erkennt und sich von ihrem
Deutschlehrer den Rilke-Roman erklären lässt, kommt sie zu dem Schluss, dass
das Buch ihres Vaters möglicherweise kein Tagebuch, sondern Fiktion ist.
Zum Schluss nimmt sie all ihren Mut zusammen,
sucht diejenige Person auf, zu der sie beim Lesen ablehnende Gefühle entwickelt
hatte, und findet dort den Schlüssel zu ihrem Vater.
Leseproben:
„Hier“, denkt Sonja, „hier
- an diesem Ort, in diesem Theater, auf dieser Bühne - hat sie ihn also kennen
gelernt!“
Vorne rechts sieht sie die Terrasse der Gaststätte. Es ist sehr voll. An den Tischen
sitzen Leute, die angeregt plaudern. Andere sitzen still in der Sonne oder
lesen Zeitung. Sonja setzt sich an einen leeren Tisch. Neben der Speisekarte
sieht sie das Programmheft des „Vorderhaustheaters“. Die Bedienung,
ein Mann mit ausgegerbter Haut und gelb-grünem Hemd,
steht plötzlich vor ihr. Ihr gefallen die Muscheln und Perlen, die er in seinen
Dreads trägt. Sie bestellt einen Kaffee. Eigentlich
hat sie noch keinen Hunger. Sie nimmt das Programmheft, blättert ein wenig und
stößt neben dem Impressum auf ein Foto von dem modern eingerichteten
Theatersaal. Sie fragt sich, ob er wohl vor zwanzig Jahren auch so ausgesehen
hat.
Der Kellner bringt den Kaffee. Sie greift in ihren Rucksack, tastet nach dem
Schreibbuch mit dem schwarz-roten Papiereinband und zieht es heraus. Sie
schlägt es auf und beginnt zu lesen.
Die
Aufzeichnungen des Karl Gustav Rabe
11. September, Rothschildallee
Sechs Wochen ist es nun her, dass ich weg
bin; nein, nie im Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass das alles so
schnell gehen kann. Mama hatte noch an meinem achtzehnten Geburtstag geweint:
„Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?“ Und Papa schnappte tief
nach Luft, doch bevor er überhaupt ein Wort rausbringen
konnte, stand ich schon an der Straße und hielt den Daumen in den Wind.
Ich hatte ganze 30 Mark, aber ich war nicht arm. Ich hatte meine Gitarre
und meine Mundharmonika. Und meinen Rucksack, in den alles passte, was ich
brauchte. Den Hut tief ins Genick geschoben, stand ich
in der Sonne.
Und während ich dem Zwitschern der
Spatzen in den Bäumen lauschte, näherte sich ein schickes, offenes Sportcoupé,
in dem eine vornehme Dame saß.
„Steigen sie ein, junger Herr“, schmunzelte sie mit leicht
französischem Akzent, gab mächtig Gas und schon flogen wir über die glänzende
Straße fort, dass mir der Wind am Hute pfiff.
Und wie wir so durch die Felder und Wälder rauschten, erzählte ich, dass
ich nun mein Glück versuche und ab heute mein Leben in meine eigenen Hände
nehmen werde. Und dass ich, bis ich etwas Eigenes gefunden hätte, bei einem
Freund Unterschlupf finden könnte.
„Das ist ja phantastisch!“
Die Dame zeigte sich recht interessiert und so geriet ich ins Schwärmen und
plauderte von meinen Träumen von einer Welt, in der der Mensch ein Mensch ist
… kein Herr und kein Knecht … die Arbeit keine Ware … und
Frau und Mann lebendig und befreit …
Das sind die Geräusche. Aber es gibt
etwas, was unfassbar furchtbarer ist: die Stille.
Gleich in den ersten Tagen, als ich hier ankam, war ich in der Nähe des
Römerberges auf einer Hiroshima-Gedenkveranstaltung. Achtzigtausend Menschen
wurden vor einunddreißig Jahren durch den Abwurf der ersten Atombombe getötet.
Und weitere zweihunderttausend starben an den Folgen von „Little
Boy“.
So eine Minute des Schweigens kann zur Ewigkeit werden. Sie kann dich
zerreißen.
Du machst die Augen zu. Und du hörst deinen schweren Atem und den der
Menschen neben dir. Und du siehst auf einmal vor deinen Augen die Bilder von
Hiroshima und Nagasaki. Ein Flimmern. Und plötzlich siehst du aus der
Tagesschau die toten Kühe in Seveso. Halt! Und du
denkst: Das war doch erst vor ein paar Wochen! Seveso!
Und nicht am anderen Ende der Welt! Seveso! Das liegt
doch direkt hinter den Alpen! Seveso! Eine
Giftgaswolke fällt vom Himmel! Seveso! Und dann sehe
ich die in Uniform … wie sie sie bewachen … die Frauen und die
Kinder … hinter dem Stacheldraht …
Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es
liegt, es geht alles tiefer in mich ein.
Immer wieder und wieder lege ich „die“ Platte auf. Auf dem
Cover sehe ich ihn, in Jeans und brauner Jacke, mit ihr eingehakt, im Schnee,
in den Straßenschluchten von New York.
Hoffentlich wird „Ein-harter-Regen-wird-fallen“
nie wieder eine weitere neue Bedeutung erfahren!
Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen
- ja, ich fange an!
Heute bin ich mit Kochen dran. Jutta zeigt mir „Spaghetti Bolognaise“. Dazu gibt es einen griechischen
Bauernsalat und Rotwein.
Wir sitzen am Abendtisch. Marlies erzählt, dass die „Flying Lesbiens“ letzte Woche im Frauenzentrum spielten:
„Ein ungewöhnliches Konzert!“ Sie strahlt. Dieter musste das ganze
Wochenende für die Schule arbeiten. Jutta hat gerade Knatsch mit ihrer
Beziehung. Und Meike erzählt von ihrem Besuch bei ihrem Bruder in Freiburg. Sie
waren auch in Wyhl. Dort hörten sie bei einer
Veranstaltung einen Sänger, der Lieder über die Besetzung gesungen hat. Meike
zeigt ein Flugblatt, auf dem Text und Noten des Liedes „Die neue Wacht am
Rhein“ gedruckt sind: „Auf welcher Seite stehst du, he? Hier wird
ein Platz besetzt. Hier schützen wir uns vor dem Dreck nicht morgen, sondern
jetzt!“ Ich hole meine Gitarre, probiere ein wenig, und schon singt die
ganze Runde.
Meike erzählt, dass die Bauern, die Winzer und die Studenten dieses Lied
eine halbe Stunde lang gesungen hätten. In immer neuen Strophen wären die
Erlebnisse besungen worden, die zur Besetzung des Platzes geführt hätten. Die
Leute hätten es satt gehabt, dass der Ministerpräsident, der auch Aufsichtsrat
der Betreiberfirma sei, sie immer wieder abgespeist hätte mit albernen Sprüchen
wie „Wenn Wyhl nicht gebaut wird, gehen im Land
die Lichter aus.“ Neun Nobelpreisträger hätten sich doch öffentlich gegen
den Bau von Kernkraftwerken ausgesprochen! Ja, wozu ehrt man überhaupt
Nobelpreisträger, wenn man nicht auf sie hören will? Und als eines Morgens die
Polizei mit Wasserwerfern und Prügeln auf die sich eng aneinander gedrängten
Leute losging, um sie einzeln wegzuschleifen und zu verhaften, sangen alle unablässig dieses Lied. Die Stimmung wäre extrem
erregt gewesen. Das Singen hätte getröstet und Energien mobilisiert, denn ein
gewaltfreier Widerstand kann ganz schön an den Kräften zerren!
Ich unterschätze es nicht. Ich weiß, es
gehört Mut dazu. Aber ich nehme meine Gitarre und die Mundharmonika und stelle
mich heute, am Samstag, gegenüber der Hauptwache in die Fußgängerzone. Ich will
das, was ich denke und fühle, singen! Öffentlich singen! Da, wo die Leute sind!
Einige Flugblattlieder kann ich schon auswendig. Ich stimme meine Gitarre.
Als erstes singe ich das „neue Lied von der Gedankenfreiheit“ und
den „KKW-Nein-Rag“, dann die
„Ballade von Seveso“, in der es heißt:
„Wie weit ist eigentlich Seveso? Zehn Stunden
von hier entfernt. Wir schauen erschrocken auf Seveso
- was haben wir draus gelernt? Wir sehn die Frauen von
Seveso nicht in Hoffnung, sondern Not. Wie werden
ihre Kinder sein, bloß Krüppel oder tot? Der Erzbischof von Mailand treibt mit
ihnen seinen Spott: „Die Krüppel macht euch nicht LaRoche,
die Krüppel macht euch Gott!“ Das ist der Trost von Seveso,
und Gott ist weit entfernt, der Bischof betet für Seveso
- er hat ja sonst nichts gelernt.“
Ich bin noch etwas schüchtern, aber nach und nach bleiben die Leute
wirklich stehen und hören zu. Ich muss die Lieder in höheren Tonarten spielen
als zuhause in meiner Kammer, da die Stimme auf der Straße schon sehr laut sein
muss. Doch es klappt.
Immer wieder merke ich, wie leicht man zu
den Eislerischen Todsünden neigt: überhetzte oder
verschleppte Tempi, neckische oder weinerliche Übertreibungen: „Sie
müssen so singen, als wenn sie es aus dem Baedeker vorlesen“, soll Hanns Eisler gesagt haben. Und „freundlich“ solle man
singen, „es soll nicht überredet, sondern gelassen überzeugt
werden“, man solle „Sentimentalität, Bombast, Pathos und Dummheiten
aller Art vermeiden“ und „den Text gut bringen und doch
singen“.
Ich erzähle den Leuten auch, dass der
„KKW-Nein-Rag“ und die „Ballade von
Seveso“ nicht im öffentlichen Rundfunk gespielt
werden. Beide Lieder stehen auf der schwarzen Liste des NDRs. Darüber gibt es
zum Schluss eine Diskussion im Publikum. Eine Frau, die sich als CDU-Wählerin outet, ist darüber empört und findet das „absolut
nicht in Ordnung“. Sie fragt mich, ob man von mir eine Schallplatte kaufen
könnte. Ich erzähle ihr, dass dies heute mein erster Auftritt ist und verweise
auf die LP mit den Flugblattliedern, die sie im linken Buchladen an der Uni
erwerben könnte.
„Allerdings ist die Seveso-Ballade nicht
auf Platte erhältlich“, erkläre ich und biete an, ihr eine Kopie des
Textes zu schicken. Auf einen alten Kassenbon schreibt sie mir mit
Kugelschreiber ihre Adresse und bedankt sich überschwenglich.
Dann geht sie an meinem Hut vorbei und ich höre ein mehrmaliges trockenes
Klack.
„Schade“, denke ich,
„dass ich noch so wenig Lieder kann.“ Ich werfe einen Blick in
meinen Hut. „Hey! Das sind ja mehr Münzen, als ich gedacht hatte! Nächste
Woche komme ich wieder!“
(aus: Teil 1)
Der Rabe steht vor dem „schwarzen
Quadrat“. Dieses Bild: die Ikone der Moderne schlechthin. An diesem Werk
kommt keiner vorbei. Es steht für die höchste Form der Kunst überhaupt, für die
Gegenstandslosigkeit in seiner absolutesten Form, für die Entleertheit fern
aller Begrifflichkeit, es ist das Bild der Bildlosigkeit,
ein Manifest für den Geist der reinen Empfindung. Kraaks!
Der Rabe denkt an die Sätze des Philosophen: „Ohne Grund habe ich die
Möglichkeit, mich neu zu bestimmen. In voller Kenntnis des Absurden: ich
bestimme mich selbst.“
Und plötzlich steht er vor einem Loch. Er schaut hinein. Es ist noch
schwärzer als schwarz. Ein Loch in der Wand. Ruß, schwarze Materie, das Nichts.
Das Ofenrohr führt durch die Wand hinaus ins Freie. Und weit hinten, durch das
schwärzeste Schwarz hindurch, erkennt er eine gläserne Rosette.
Noch völlig im Taumel des eckigen Schwarzes auf der Leinwand und des runden
Schwarzes, das durch die Wand nach draußen „in
die Welt“ führt, kommt er die Stufen hinunter. Es ist bereits dunkel
geworden. Die Laternen werfen ihr Licht in die Nacht. Vor dem Eingang steht ein
Kreis von Menschen um einen Mann mit Fischerjacke und Hut. Er bleibt
unwillkürlich stehen. Der Mann in der Mitte spricht: „Es ist soweit
… was sein muss, muss sein … wir machen jetzt ganz andere Sachen
… eine große soziale Plastik … 7000 Eichen ... überall in Kassel
... wir pflanzen die ganze Stadt zu!“ Er hört das Raunen, das durch die
Gruppe geht. „ ... statt „Stadtverwaltung“ wird jetzt „Stadtverwaldung“ gemacht ... und neben jeden Baum
kommt ein schöner großer Stein ... ich muss mal sehen, was es da für Steine
gibt in der Gegend ... ich habe ihnen erklärt, dass ich aus dem Museum raus
will!“
Staatsbesuch in Deutschland, „Nato“-Konferenz,
der US-Präsident Ronald Reagen gibt sich die Ehre.
Von überall fliegen sie herbei, der Himmel ist schwarz: Raben, Raben,
Raben. Kraaks, kraaks, kraaks. Hunderttausende finden sich auf der anderen
Rheinseite ein. Kraaks. In seinem Kölner Dialekt
schreit sich der Rocksänger seine Freude über den Protest und seine Wut über
diese Scheiß-Hochrüstungspolitiker aus dem Leib. Und plötzlich steht der
ruhige, besonnene, vergeistigte Künstler mit dem Hut auf der Bühne: „Wir
wollen Sonne statt „Reagen“, ohne Waffen leben,
von West nach Ost, auf Raketen muss Rost.“ Halb naiv, halb professionell
singt er in die Menge hinein, imitiert etwas ungelenk das Mikrophon-am-Kabel-über-dem-Kopf-Schleudern-und-Auffangen,
und lacht die Musiker an.
Ein paar Tage später werden die letzten
Basaltstelen am Friedrichsplatz abgeladen. Rund achtzig Fuhren waren notwendig,
um die 7000 Steine anzuliefern. In der Form eines keilförmiges Dreiecks,
an dessen Spitze nebst zugehörigen Stein die erste gepflanzte Eiche steht,
liegt nun der riesige, fast hundert Meter lange Basaltberg an der exponiertesten Stelle der Stadt.
„Wenn man von „Kapital“
spricht, denkt man immer an Geld. Der Künstler sagt: „Die wichtigste
Erkenntnis ist das Denken, die Kraft des Denkens. Darauf werden wir immer
wieder hinweisen und aufmerksam machen. Es gilt vor allem die Begriffe zu
klären. Zum Beispiel der Kapitalbegriff. Unser Kapital sind die menschlichen
Fähigkeiten. Das muss erkannt werden, dass eben jeder Mensch ein Künstler, ein
Gestalter ist.“
(aus:
Teil 2)
In dieser Nacht blätterte er noch einmal
in seinem schwarz-roten Buch und las die ersten Zeilen. Er musste lachen, denn
er hatte noch immer dieselben Möbel, nur jetzt in einer anderen Stadt. Neu war
allerdings, dass unter seinem Bett ein großer Sack deponiert war.
Die Gitarre hing an einem Knauf, den er sich selbst geschnitzt hatte, und
auf dem Schreibtisch stand eine leere Flasche, die ihm als Kerzenhalter diente.
Oft schrieb er, wenn alles still war, mit einer Rabenfeder im Kerzenschein,
wobei er sich mit unzähligen Tassen schwarzen Kaffees stärkte.
Wenn die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster
drangen, sah er unten die Straße, dann die großen Wiesen und dahinter den
Fluss. Hohe Bäume säumten die andere Seite. Auf großen Pfählen im Wasser saßen
die schwarzen Vögel und machten ein lautes Gekraaks.
Eine kleine Fähre brachte, besonders am Wochenende, die Leute an das andere
Ufer. Im bunten Gewimmel fand man schnell ein Plätzchen an einem der vielen
Tische vor dem Café. Jeder sonnte sich hier gerne. Die Kinder spielten im Sand.
Zu Fuß oder mit dem Fahrrad ging es durch Gärten und Felder. Hier war des
Volkes wahrer Himmel.
Jeden Morgen sah man ihn, wie er auf dem
Deich kleine Stücke von einem Brot abriss und sie den schwarzen Vögeln zu warf.
Einer von ihnen hüpfte immer keck bis direkt an seine Hand, um sich noch eine
Extraportion zu stibitzen. Dann flogen sie wieder zurück auf ihre Pfähle.
Es ist nicht, dass er sich von ihnen
unterscheiden wollte, aber er war eben mit Haut und Haar in seine neue Welt
eingetaucht. Er hatte einen Dichter, und alles andere um ihn herum war auf
einmal nebensächlich geworden.
Er kannte hier jetzt eigentlich nur die Leute von den
„Reservisten“, die ein bisschen seine „Familie“ wurden.
Gut, er hätte versuchen können, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, oder er
hätte sich auf die „Piste“ begeben können, aber ... er wollte nicht
... nein ... er wollte wirklich nicht ... denn nun saß er tagelang in dem
markanten Steingebäude am Eingang der Altstadt, im Lesesaal der Bibliothek.
Hier war sein zweites Zuhause, hier war der neue Ort für seine Seele, seiner
Leidenschaft, seiner Passion. „Es sind viele Leute im Saal, aber man
spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den
Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen.
Ach, wie gut ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht
immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts.
Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich,
so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet
sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines
Schlafenden. Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter.“
Er las: „Brassens, Georges,
französischer Liedersänger, geboren 22.10.1921 in Sète,
Verfasser zahlreicher Volksballaden, zu denen er seine eigene Musik komponiert
und die er selbst vorträgt. Er lässt darin die typischen Gestalten des
Volksliedes und die kleinen Leute der modernen Vorstadt auftreten. Romantisch,
ohne billige Sentimentalität, spiegeln Brassens´ Chansons die bissige Ironie
und die eingestandene Meinung eines Moralisten wider, der den gesunden
Menschenverstand, die Freiheit der Natur gegen jede Heuchelei des Gesetzes und
der Moral verteidigt.“
(aus:
Teil 3)
Grit beendet gerade ihr Telefongespräch:
„ ... das war wirklich eine schöne Gala, das haben wir gut hingekriegt!
Also, ade, Birgit, ade!“
Sie wendet sich Sonja und Milan zu:
„Und du bist also die Tochter vom Karl Gustav! Ich habe nachgeschaut, am
29.10.1986 hat er im „Alten Saal“ ein Konzert gegeben. Ich habe im
Archiv noch den Programmzettel und einen Zeitungsartikel gefunden.“
Sie reicht Sonja die Kopien. Sie liest:
„Hommage an den Altmeister des französischen Chansons: Zum 5. Todestag
singt Karl Gustav Rabe die unsterblichen Lieder von Georges Brassens auf
Deutsch: Samstag, 29.10.1986, 20.00 Uhr, Eintritt 7,- DM.“ Sie überfliegt
den Artikel: „Karl Gustav Rabe singt Georges Brassens in Deutsch: Direkt
und derb, aber auch zärtlich! - Freiburg: Es sind wunderbar hintersinnige
Geschichten, die Karl Gustav Rabe nach Deutschland gebracht hat. Doppelbödige
Poesie, die sonst nur in Frankreich bekannt ist, Lyrik eines Chansonniers, der
vielen Franzosen vor Rührung die Tränen in die Augen treibt. Der Sänger und
Schauspieler aus Bremen hat die Lieder und Chansons des „Vaters“
des französischen Chansons ins Deutsche übertragen. Dabei handelt es sich nicht
um technisch exakte Übersetzungen, sondern um Nachempfindungen und sprachliche
Annäherungen ...“
Sonja gibt den Artikel Milan, der sich zum Mitlesen zu ihr gebeugt hat.
„Der Südwestfunk war damals auch da und hat einen Beitrag gedreht.
Allerdings kommt man an dieses Material heute nicht mehr ran, wegen der
„Persönlichkeitsrechte“. Da müsste sich Karl Gustav schon selbst an
den Rundfunk wenden.“
„Können sie sich erinnern, wie er war, ich meine, da ich ihn nicht kenne,
hätte es mich interessiert, was mein Vater für ein Mensch war?“
„Ja kennst du ihn denn nicht?“
„Nein!“
Grit ist verwundert.
„Wo ist er denn jetzt?“
„Das weiß ich nicht.“
Grit erzählt:
„Also, Sonja, ich habe ihn das erste Mal ungefähr 1980 im Frühling hier
in der Fußgängerzone gesehen. Und wie er gesungen hat und die Leute ansprach,
fand ich richtig gut, wie der Walter und der Buki,
nur eben sang er für die Leute auf der Straße. Und er hat es geschafft, dass
sich immer ein großer Kreis gebildet hat. Da habe ich ihn gleich angesprochen
und ihn gefragt, ob er auch einmal in der „Fabrik“ singen wollte.
Und dann habe ich ihm ein paar Auftritte vermittelt. Ich kenne ja viele Leute
hier. Später ist er nach Bremen gegangen. Ich wollte, dass er noch einmal in
der „Fabrik“ singt, aber er sagte, ich solle mich gedulden, er
arbeite an einer ganz neuen Sache. Dann rief er mich eines Tages an und sagte,
er sei fertig und würde zum fünften Todestag von Brassens
gerne als Hommage dessen Lieder in Deutsch bei uns singen. Zuerst waren wir
skeptisch, doch dann ist es ein richtig guter Abend geworden.“
Sonja fragt, wieso man damals skeptisch war, und Grit erzählt, dass man hier in
Freiburg natürlich den Brassens kannte.
„In den sechziger Jahren sind alle mit schwarzen
Rollkragenpullover nach Paris getrampt und hatten Brassens live gesehen.
Und sogar im Französischunterricht wurde er durchgenommen. Ich weiß noch, dass
wir einmal einen Austauschschüler aus Frankreich in unserer Familie hatten. Er
war sehr beeindruckt von deutschen „Wirtschaftswunder“ und was es
hier alles gab, doch dann sagte er: „Und wir? Wir haben unseren
Georges!“ Auf jeden Fall dachten wir damals in der Programmgruppe, dass
man mit „Brassens in deutsch“ eigentlich nur offene Türen einrennen
kann, doch Karl Gustav hat den Brassens auf eine so spannende Art dargestellt
... und manchmal tat uns vor lauter Lachen der Bauch weh ... das war richtig
gut!“
Sonja, die nicht verbergen kann, dass sie ein bisschen stolz auf ihren Vater
ist, fragt Grit, wer Walter und Buki sind.
„Wie, du kennst die beiden nicht?“
„Um ehrlich zu sein“, sagt Sonja, „bis vor zwei Monaten
wusste ich noch nicht einmal etwas von Wyhl!“
Grit bleibt der Mund offen: „Nai!“
„Doch“, sagt Sonja und lacht.
„Ja, was nehmt ihr denn in der Schule durch?“
Milan hat jetzt den Artikel fertig gelesen und gibt ihn Sonja zurück.
Grit holt tief Luft: „Also, der Walter - Walter Moßmann
- hatte sich zuerst viel in Frankreich herumgetrieben. Er liebte Heinrich Heine
und die Chansons von Georges Brassens. Seit den
sechziger Jahren zählte er zu den wichtigsten Vertretern der deutschen
Liedermacher. Ab 1970 trat er zunächst nicht mehr auf. Er veröffentlichte
politische Aufsätze und arbeitete als freier Redakteur fürs Radio. Ab 1974
schrieb er seine ersten Flugblattlieder im Kampf gegen das geplante
Kernkraftwerk. Er wurde der „Botschafter von Wyhl“
und zog mit seinen Flugblattliedern jahrelang durch die Republik. Jeden Abend,
wenn er irgendwo aufgetreten ist, hat er mit den Leuten solange diskutiert, bis
sie selbst eine Bürgerinitiative gegründet haben. Die Lieder von Walter, der
zwischendurch auch ein paar Jahre in Bremen wohnte, sind gut recherchierte
Geschichten, die radikal sind, weil sie genau sind. In den Achtzigern hat er
ein „Requiem“ geschrieben, als sein Freund Tonio von einem
US-amerikanischen Killerkommando in Nicaragua getötet wurde. Bei einer spontanen
Demo vor dem Amerikahaus hatte jemand den Namen „Tonio“ auf die
Fassade gesprüht und war weggelaufen. Walter, der noch herumstand, wurde
deswegen ins Gefängnis gesteckt. Der Schmerz über den Verlust seines Freundes,
die Wut auf die verlogenen Politiker im Weißen Haus und in Bonn und die Frage
„Ist euch der Gedanke so fremd, dass diese Welt uns allen gehört?“
führten ihn zu der Form der radikalen Toncollage von „Unruhiges
Requiem“. Am letzten Samstag habe ich ihn übrigens auch im E-Werk auf der
Gala gesehen, die ich mitorganisiert hatte. „Radio Dreyeckland“,
der erste politische Piratensender in Deutschland, hat nämlich vor genau
dreißig Jahren zum ersten Mal gesendet. Damals hieß er „Radio
Grün“. Wir hätten so gerne Walters „Radio Grün“-Flugblattlied
von ihm gehört, aber er singt seit Jahren nicht mehr, denn er hatte eine
Krankheit und kann nur noch heiser sprechen. Ach, und bei Filbis
Neunzigsten konnte er ja auch nicht mehr singen! Das war vor drei, vier Jahren.
Der Filbinger wollte seinen neunzigsten Geburtstag im Münster feiern. Im
Vorfeld hieß es von den jüngeren Herren aus seiner Partei, dass der Filbinger
1978 über eine schändliche Intrige der Stasi gestürzt worden sei, man habe in
den Medien damals gefälschte Dokumente präsentiert und die Journalisten hätten
sich mal wieder als nützliche Idioten der DDR erwiesen. Doch seien alle Lügen
nunmehr widerlegt, und da inzwischen der DDR-Unrechtsstaat zusammengebrochen
und die Stasi entsorgt sei, könne man doch auch endlich diese hässliche und von
der Stasi erfundene Geschichte über den Marinestabsrichter Filbinger entsorgen,
und wir alle sollten uns schämen, weil dem guten Doktor Filbinger schreckliches
Unrecht angetan worden sei. Ja, da war was los! Vis-a-vis vom Münster, im
„roten Haus“, im prominenten historischen Saal im ersten Stock,
haben wir auch eine „Feier“ veranstaltet, worauf Filbis Feier im Münster abgesagt wurde. Ganz Freiburg war
dabei! Der Raum war gerammelt voll! Sicher dreihundert bis vierhundert Leute!
Professor Wette, ein Militärhistoriker, hat detailliert noch einmal alles in
Erinnerung gerufen und Walters „Ballade vom toten Matrosen“ lief,
weil er ja nicht mehr singen konnte, vom Band. Aber eine kleine Ansprache hat
der Walter schon gehalten. Doch nicht über den Filbinger, sondern über uns, und
dass das abschreckende Beispiel von Filbingers Selbstgerechtigkeit uns
veranlassen sollte, unsererseits einen anderen öffentlichen Umgang mit Fehlern
und Irrtümern in unseren eigenen politischen Biographien zu finden, damit es
nicht irgendwann einmal hieße: im Fall Filbinger sind zwei Selbstgerechte
aufeinander geprallt. Das hat mir, muss ich sagen, schon imponiert! Im Moment
schreibt der Walter ja gerade an seiner Biographie. Er hat mir am Samstag
erzählt, dass er jetzt auch einen Titel gefunden hat: „realistisch sein:
das unmögliche verlangen“. Typisch Walter! „Klingt sexy,
oder?“, hat er gegrinst, „das unmögliche verlangen“. Also,
Sonja, als Freiburgerin sollte man den Walter schon kennen, auch wenn man ihn in
der Schule vielleicht nicht durchnimmt.“
Sonja ist baff. „Der Sänger der Flugblattlieder heißt also Walter Moßmann“, denkt sie.
„Aber ich kenne ihn doch!“, wirft sie ein, „der KKW-Nein-Rag“, die „Ballade von Seveso“, das „Lied vom Lebensvogel“
...“
Jetzt ist Grit baff.
„ ... und das Lied von der Gedankenfreiheit“, sagt Sonja.
„Hey, Sonja“, lacht Grit, „das musst du mir aber jetzt
genauer erzählen!“
Grit lädt die beiden in die „Vorderhaus
Gaststätte“ ein. Sonja erzählt von dem gelben Koffer und was sie schon
alles durch ihn erlebt hat. Manchmal stockt ihre Stimme. Dann hält Milan ihre
Hand. Zwischendurch erfährt sie, dass Grit, wie Buki,
vom Kaiserstuhl aus Jechtingen stammt, dort
„von Anfang an dabei war“, bei den vielen Veranstaltungen, bei der
Platzbesetzung, bei der „Volkhochschule Wyhlerwald“.
Mit ihrem Bruder war sie auch in in Kiechlinsbergen, als der Filbinger von den Bauern über eine
halbe Stunde lang eingekeilt war. „Es war eine Reaktion darauf, wie er
uns Kaiserstühler immer behandelt und verunglimpft hat“, sagt Grit und
lacht. „Mein Bruder, der damals eine Schreinerlehre machte, hatte immer
einen Zollstock bei sich. In der aufgebrachten Menge hatte er seinen Zollstock
ausgeklappt in der Luft geschwungen. Ein paar Wochen später bekam er eine
Anzeige wegen „Landesfriedensbruch“. Als der Richter ihn fragte,
warum er den Zollstock in die Luft hielt, antwortete mein Bruder, dass er den
Volkszorn messen wollte. Darauf wurde er freigesprochen.“
Grit bestellt noch einmal für alle.
„Was sich die Technokraten und Sachverständigen in den siebziger Jahren
alles ausgedacht hatten! Die wollten hier das Rheintal zwischen Basel und
Frankfurt zu einem gigantischen neuen Ruhrgebiet machen! Basierend auf der
unermesslichen Energieproduktion einer „Perlenkette von Atomkraftwerken
am Rhein“! Die Ebene sollte für die Industrie sein, die „Funktionen
Wohnen und Erholung“ sollte in die Vorbergzone und in den Seitentälern
angesiedelt werden!
Doch diese selbstherrliche Mafia hatte ihre Rechnung ohne uns gemacht. Im
Februar 2000 haben wir, fünfundzwanzig Jahre nach der Platzbesetzung, am Rhein
in der Nähe des früheren Bauplatzes einen großen Stein als Denkmal enthüllt,
auf dem zu lesen ist: „Nai hämmer
gsait - 18. Februar 1975“. Und der Buki hat sein schönes Lied gesungen: „Mir sin eifach wieder do“. Der Buki hat ja viele Lieder damals im Kaiserstühler Dialekt
geschrieben. Im Amts- und Schriftdeutsch redeten die KKW-Betreiber, im Amts-
und Schriftdeutsch fielen die Entscheidungen gegen die Bevölkerung. Deswegen
waren die Lieder von Buki so beliebt bei uns Kaiserstühlern,
und vielleicht auch, weil er selbst aus einer Winzerfamile
kommt. Die Liedzeile „Mir sin eifach wieder do“ hat man damals übrigens überall
angetroffen: als Schlusssatz auf Flugblättern, als Plakat oder Transparent, als
Aufkleber, und ein regionaler Jahreskalender wurde sogar nach ihr benannt.
„Mir sin eifoch
wieder do“ ging in unseren Wortschatz ein, wurde ein Sprichwort, genauso
wie die Zeile „Paß uff, daß
mer dich nit
umdrillt“, die sogar meine Mutter einmal meinem Vater nachgerufen hat,
als er auf eine Behörde musste, um etwas durchzusetzen. Buki,
der heute als Buchhändler in Freiburg arbeitet, hat dieses Lied damals
„allen Ungenannten und Unbekannten, die mithalfen, den Platz zu
halten“ gewidmet. Meine Mutter hatte vor „Wyhl“
immer zu mir gesagt: „Grit, gang mer äwäg mit däre Politik.“
Doch als sie den brutalen Polizeieinsatz auf dem Platz erlebt hatte, sagte sie:
„Grit, jetzt wu mer
so ebbis sälber erläbt hän, sähne
mer des aü mit anderä Aüge!“ Und mein
Vater sagte dann: „Sähnener! Damals, wu sie vor sechs, acht Johr gege d´r Kreäg
in Vietnam demonschdrert hän,
het mer jo
nit uff si ghert. Jetzt sin´s ganz Radikali wore. Mir hän aü
lang gnöä gege des KKW demonschdrert. Jetz simmer aü scho
Radikali un bsetze dä Platz!“ Wie ihr seht, haben wir damals alle
unheimlich viel miteinander und voneinander gelernt. Vorher hatte ich
Umweltschützer zwar nicht belächelt, aber anschließen wollte ich mich ihnen
auch nicht. Doch durch „Wyhl“ sind mir
die Augen richtig aufgegangen, was politische Mündigkeit und verlogene
Demokratie, was Volksverdummung und wahrgenommene politische Verantwortung ist.
Mit den Kaiserstühlern habe ich in dieser Zeit mehr gelernt, als man vielleicht
in zwanzig Jahren Studium lernen könnte. Das Lied „Mir sin eifach wieder do“ hat
der Buki übrigens im Sommer 1976 geschrieben, und in
der letzten Strophe hat er praktisch die Idee für „Radio Grün“
gegeben: „Des Volkskraftwerk am Rhin het Hoffnunge gweckt.
Mir kleini Litt hänn unsri eigini Muskelkraft
entdeckt. Unser Elektromann het ä Apparätli
boit, daß im Ernstfall in
ganz Europa üssem Radio läuft: Mir sin eifach wieder do, wänn si kumme
wänn, Wyhl isch dert und do, mir hän´s in d´r Händ
...“ Das muss man sich einmal vorstellen: was wäre denn ohne das Radio
bei der Räumung in Gorleben passiert? Und immer wieder die Störfälle in den
Kernkraftwerken, die der Öffentlichkeit nicht gemeldet worden sind! Und wer
berichtet über Seveso? Forscher haben doch jetzt
festgestellt, dass dreißig Jahre nach dem verheerenden Unfall in Italien Babys
in der Region dort durch das ausgetretene hochgiftige Dioxin eine veränderte
Schilddrüsenfunktion haben. Wahnsinn! Und wer berichtet über Tschernobyl und
dass dort ungefähr zwischen 600 000 und 1,2 Millionen
„Freiwillige“, Studenten und Soldaten als „Liquidatoren“
dekontaminierten und ein großer Teil von ihnen an den Spätfolgen der
Strahlungen gestorben ist. Die wussten doch vorher noch nicht einmal, wo ihr
Einsatz ist, man hat ihnen nur gesagt: „Für zwei Minuten Aufräumarbeit
auf dem Dach kriegst du zwei Jahre Militärdienst erlassen.“ Und dann
wurden sie auch noch feierlich gewürdigt! Und es finden Tschernobylfeiern wie
Heldengedenktage statt mit Reden über Volk, Nation, Blut, Boden, Schicksal und
Glaube. Wahnsinn! Und vor einem Jahr trennte Schweden und Nordeuropa gerade
einmal eine Zeitspanne von sieben und dreißig Minuten von einer Katastrophe wie
Tschernobyl! Gerettet hat die Situation ein Techniker, der sich in letzter Not
über Bestimmungen hinwegsetzt hat und ausführte, was er für den einzig
möglichen Weg hielt. Ausgerechnet in Schweden passierte das, in einem Land, das
sich seiner hoch entwickelten Technik rühmt! Wahnsinn! Mir gehen diese ganzen
Zeitgeistjournalisten auf den Keks, die von oben herab so einen Blödsinn
schreiben wie: „Die Deutschen sind, unter welcher Fahne auch immer, im
Übermaß erregbar: mal marschieren sie im Namen des Volkes, mal im Namen der
Natur.“ So ein Quatsch! Und die Kernenergie sei die einzige richtige
Antwort auf die Klimakatastrophe, doch wir Umweltschützer würden die Bevölkerung
nur mit irrationale Ängsten verunsichern! Aber wir
wissen doch alle, dass nicht ein Castor-Behälter mit dem radioaktiven Müll für
die nächsten 25 000 Generationen Sicherheit bietet! Die Behälter aus den
siebziger Jahren lecken doch jetzt schon und müssen, wo es geht, kostenintensiv
neu verpackt werden. Und wo es nicht geht, droht ein Desaster wie im ehemaligen
Salzbergwerk „Asse 2“. Und von wegen: „billiger“
Atomstrom! Die Betreiber machen den Profit, und den radioaktiven Müll und die Entsorgung
und die Gefahren sollen gefälligst die Steuerzahler bezahlen! Und nicht nur die
heutigen, sondern auch alle künftige Generationen, ohne dass sie darüber
entscheiden können! Also, wenn es gegen diesen Wahnsinn geht, bin ich dabei!
Ja, wenn es nach den Plänen der Technokraten in den siebziger Jahren gegangen
wäre, dann wäre Deutschland heute zugepflastert mit über achtzig
Atomkraftwerken. Tatsächlich sind es aber nicht einmal zwanzig! Wir sollten an
den anderen sechzig Plätzen Gedenktafeln aufstellen, damit jeder sehen kann,
dass wir schon ziemlich viel gegen diesen Wahnsinn erreicht haben!
Und es geht auch um lebendige Kultur! Die Kultur unserer Heimat besteht
eben nicht nur aus Trachten und Mundartpflege! „Wyhl“,
das kann man sagen, hat in fast allen Lebensbereichen Wellen geschlagen und
wird zu Recht heute als „Wiege“ der europäischen Ökologiebewegung
gepriesen. Dessen waren wir uns damals noch gar nicht bewusst.“
Sonja hat bei Grits Erzählungen immer wieder
mit dem Kopf genickt und auch Milan sitzt still neben ihr und lauscht.
„Sonja“, sagt Grit nun auf einmal
leise, „jetzt ich kann mich wieder erinnern, an diesen 29.10.1986: ich
holte Karl Gustav am späten Nachmittag mit dem Auto vom Bahnhof ab. Er hatte
seine Gitarre, einen Rucksack und diesen gelben Koffer, von dem du vorhin
gesprochen hast. Er schloss den Koffer in ein Schließfach, wir fuhren in die
„Fabrik“ und er machte kurz den Soundcheck. Ich holte ihm eine
Pizza. Er war irgendwie nervös und angespannt, aß die Pizza und sprach nicht
viel. Ich nahm an, dass er sich auf seinen Auftritt vorbreitet. Ich weiß noch,
dass ich ihn ein paar Tage vorher am Telefon gefragt hatte, ob er was zum
Schlafen bräuchte. „Nein Grit“, hatte er gesagt, „du brauchst
mir nichts zu besorgen. Aber vielleicht kennst du jemanden, bei dem ich für
längere Zeit einen Koffer unterstellen könnte?“ „Klar“, hatte
ich gesagt, „beim Didi, der hat doch in Wolfenweiler einen Bauernhof geerbt. Du kennst ihn doch,
den Didi von den „Grünen“, der dich
einmal engagiert hatte?“ Und dann gab ich ihm Didis
Telefonnummer. Nach seinem Auftritt war Karl Gustav richtig erleichtert. Er
hatte ein weiches Gesicht und freute sich. Er fragte ins Publikum, ob er bei
jemandem schlafen könnte. Eine Frau, die ich noch nie hier gesehen hatte,
meldete sich. Wir saßen noch zusammen und Karl Gustav war sehr ausgelassen. Und
dann erzählte er mir, dass dies sein letzter Auftritt gewesen sei. Er wäre
wieder an dem gleichen Punkt wie zehn Jahre zuvor, als er seine Eltern
verlassen hatte. Wohin ihn seine Reise allerdings diesmal führe, das wisse er
noch nicht. Plötzlich wurde er sehr müde, nickte der Frau zu, stand mit ihr
auf, nahm seinen Rucksack und die Gitarre, verabschiedete sich, gab mir einen
Kuss und lachte. Und dann habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Und der Didi erzählte mir später, dass sich Karl Gustav bei ihm nie
gemeldet hatte.“
(aus: Teil 4)